Die "Lübecker Nachrichten" zu Gast bei Wolfram Eicke
Ein Märchen feiert Geburtstag: Vor zehn Jahren erschien „Der Kleine Tag“. Geschrieben hat es Autor Wolfram Eicke. Ein Hausbesuch. (Text: Marion Hahnfeldt)
Hätte Wolfram Eicke sich damals nicht so schrecklich gelangweilt, dann wäre das Märchen vom „Kleinen Tag“ wohl nie erzählt worden. Keiner hätte erfahren, dass jeder einzelne Tag mit einem Lichtstrahl auf die Erde reist, für 24 Stunden bleibt und anschließend in einer Art Altersheim für ausgediente Tage landet.
So aber saß der Kinderbuchautor bei nasskaltem, grauen Wetter sieben Stunden auf einer Fähre vom englischen Harwich nach Holland fest und ärgerte sich darüber, dass es in der Cafeteria nicht mal einen Fernseher gab. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als auf diesen hässlichen Kunstlederbänken zu hocken und zu warten. „Draußen wurde es gerade dämmerig und plötzlich tauchte in mir die Frage auf: Wo geht so ein Tag eigentlich hin, wenn er vorbei ist?“ Heute lebt Wolfram Eicke in einem überraschend bürgerlichen Haus in Klingberg bei Scharbeutz. Die Straße, in der er wohnt, führt zum Pönitzer See, Blumenpoller bremsen den Verkehr. Früher hat Eicke in Großstädten wie London, Berlin und Hamburg das Leben gesucht, mit zunehmenden Alter aber lernte er die Ruhe schätzen. Auf Hamburg folgte Wulfsdorf, Rondeshagen, Lübeck und nun eben Klingberg.
Wer Wolfram Eicke zum ersten Mal gegenüber steht, vermutet in dem hochgewachsenen Mann eher einen Biker als einen Kinderbuchautoren.
Schwarze Lederhose, schwere schwarze Stiefel, schwarze Lederjacke. Er raucht Selbstgedrehte, trinkt Instantkaffee. Sein Haare wirbeln lustig durcheinander.
Seit 20 Jahren arbeitet Eicke selbstständig als Autor. Er hat Bücher wie „Der Notenbaum“, „Das silberne Segel“ und – gerade aktuell – „Fussel im Glück“ geschrieben. Sein größter Erfolg aber war und ist „Der kleine Tag“. DasMusical, das dem Buch kurz nach dessen Veröffentlichung folgte, feierte in Guatemala, Kamerun, Südafrika Premiere, allein in Deutschland gibt es jedes Jahr 60 bis 80 Produktionen. Viele glauben, Rolf Zuckowski, Deutschlands bekanntester Kinderliederkomponist, habe das Musical geschrieben. Richtig ist, dass nur zwei Lieder von Zuckowski, die meisten aber von Eicke und dem Komponisten Hans Niehaus stammen.
Eicke führt ein Leben abseits jeder Prominenz. Auf der Straße wird er selten erkannt, denn gegen einen Exklusiv-Vertrag mit einem bestimmten Verlag hat er sich stets gesträubt. Er sagt, dass es ihn nicht stört, wenn andere die Lorbeeren kassieren. „Nicht berühmt zu sein, gibt mir Freiheiten. So kann ich tun und lassen, was ich will.“
Eicke spricht schnell, aber konzentriert, in einem Tonfall von jemandem, der es gewohnt ist, vor Kindern zu reden. Er dämpft die Stimme, wenn die Worte ihm wichtig sind. Seine Erzählungen bekommen dann eine Dynamik und Dramatik, als würde er eines seiner Gedichte zitieren.
Viele Autoren sind ratlos, wenn sie über ihr eigenes Schreiben reden sollen. Eicke hat keine Angst, sich in die Karten gucken zu lassen. „Auch wenn das altmodisch klingt: Ich schreibe, um Kindern Mut und Freude zu machen.“ Der Autor erzählt mit Schwung, unterstreicht seine Gedanken mit Händen. Einmal in Fahrt, greift er sich die Gitarre und singt mit ungenierter Selbstverständlichkeit.
Wann habe ich zuletzt auf einer Wiese gelegen? Nur so, einfach nur so? Zugeschaut wie oben sich die Wolken bewegen? Nur so, einfach nur so? Nicht, weil es Geld bringt, nicht, weil es nützt, nicht, damit andre es bewundern. Nein, nur so! Einfach nur so.
Die Zeilen stammen aus dem „Kleinen Tag“ und sind für ihn eine Art Leitmotiv. Reich ist er mit dieser Einstellung nicht geworden. „Aber wenn es nur ums Geld ginge“, sagt er, „dann würde ich Horrorgeschichten schreiben. Da kannst du das Hundertfache verdienen.“ Stattdessen bleibt Eicke bei Kinderbüchern und genießt beneidenswerte Unabhängigkeit. In Kauf nimmt er dafür, dass er die eine oder andere Rechnung nicht immer sofort bezahlen kann. Er wohnt zur Miete, fährt einen sechs Jahre alten Toyota Corolla, und die Kaffeemaschine ist auch gerade kaputt. „Wenn du viel hast, musst du viel schützen. Wir reisen lieber mit leichtem Gepäck.“
Wolfram Eicke ist jetzt 53 Jahre alt – und mit sich im Reinen. „Im Moment ist älter werden für mich ein Geschenk. Ich möchte nicht mehr 25 oder 30 sein mit all den Unsicherheiten. Man hat jetzt ein bisschen begriffen, wie das Leben läuft, geht nicht mehr so leicht in die Knie.“
So wie er seine Ideen und Skizzen in ein kleines (natürlich schwarzes) Notizbuch hochkant oder quer schreibt, ist sein Leben verlaufen. Nie gradlinig. Von seiner Frau, die er 1982 sechs Wochen nach der ersten Begegnung aus dem Stand weg geheiratet hat, lebte er sieben Jahre getrennt. „Eswar zum Teil eine sehr schmerzhafte Zeit. Aber letztlich hat es allen weitergeholfen. Ich weiß nicht, ob ich ohne diese Erfahrung so ein Verhältnis zu meiner Frau und auch zu meinen Kindern gehabt hätte.“ Wolfram Eicke erzählt mit entwaffnender Offenheit. Selbstkritisch, uneitel, ehrlich. Er spricht über Mediation, Kräften, von denen er glaubt, dass sie die Geschicke des Lebens lenken. Und er sagt, dass ihm Authentizität bei der Arbeit an seinen Kinderbüchern wichtig ist. „Kinder sind sehr wachsam. Die spüren, wenn man wahrhaftig ist.“
Kippenbek will seinen runden Geburtstag feiern.
Er mietet den Gemeindesaal und einen Disc-Jockey,
und er komponiert ein kaltes Buffet.
Da Pahnke am selben Abend zu einem eigenen Ball in die Stadthalle geladen hat, bleibt es im Gemeindesaal ruhig. Kippenbek und der Disc-Jockey betrachten stumm die welkenden Salatblätter auf dem kalten Buffet.
Zu später Stunde erscheint doch noch ein Gast.
Kippenbek läßt den Champagner spritzen,
der Disc-Jockey ruft zu einer Polonaise auf.
Der Gast stellt sich vor: "Pahnke schickt mich. Die Kapelle in der Stadthalle ist betrunken." Er wedelt mit einem Geldschein,
und er holt
den Disc-Jockey ab.